Bridge&Tunnel, ein Hilfsprojekt aus Hamburg für Flüchtlinge und Migranten, die Taschen aus Second Hand Jeansin einem Atelier herstellen
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Bridge & Tunnel - Ein Accessoirelabel mit besonderer Mission

14/11/2016 von Berit

Diese beiden Frauen packen es an. In Hamburg werden nachhaltige Taschen und Wohnaccessoires zusammen mit einem internationalen Team hergestellt, das vor allem Frauen mit Migrationshintergrund eine neue Perspektive gibt.

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Momentan ist alles, was man zum Thema Flüchtlingskrise hört so deprimierend, dass es gut tut auf Menschen zu treffen, die nicht reden, sondern direkt anpacken. Hinter dem Accessoirelabel Bridge&Tunnel stehen zwei tolle, junge Frauen aus Hamburg, die nicht einfach nur Mode machen wollen, sondern sich einer ganz besonderen Herausforderung gestellt haben. Hanna Charlotte Erhorn und Constanze Klotz versuchen das Thema Nachhaltigkeit und die soziale Komponente auf ganz eigene Weise umzusetzen.

In ihrem Atelier kommen benachteiligte Menschen zusammen, die gemeinsam an einer besseren Zukunft arbeiten. Zwei Freundinnen haben mich schon seit einiger Zeit auf Bridge&Tunnel aufmerksam gemacht und als ich von der Kernidee hörte, war ich direkt Feuer und Flamme und musste bei Gründerin Conny genauer nachfragen, welche Idee und Motivation dahinter stecken.

Bridge&Tunnel Gründerinnen Charlotte Erhorn und Constanze Klotz


Ihr hattet eine Businessidee, die u.a. Flüchtlingen hilft, in unserer Gesellschaft Fuß zu fassen. Wie kam euch die Idee und wie schwer war die Umsetzung?

Die Idee zu Bridge&Tunnel kam im wahrsten Sinne des Wortes zu uns: Seit 2013 leiten Lotte und ich den Co-Working Space Stoffdeck, eine Gemeinschaftswerkstatt für Mode- und Textildesigner in Hamburg Wilhelmsburg. Dort können sich professionelle Designer, aber auch kreative DIYler unkompliziert einmieten. Als wir irgendwann mitbekamen, dass sich ein deutsch-türkischer Nähclub mit ihren Haushaltsnähmaschinen in einer Wilhelmsburger Moschee zum Nähen trifft, haben wir sie eingeladen, ihren Nähtreff bei uns im Stoffdeck abzuhalten. Und standen dann fassungslos daneben... Denn wir konnten live mit ansehen, was für Zauberhände viele der Frauen haben, obwohl fast alle noch nie in einem richtigen Job waren. Da war uns schlagartig klar: wir müssen diese beiden Welten vernähen. Und seitdem bringen wir professionelles Design und Menschen aus dem Stadtteil mit flinken Händen zusammen.

Mit Bridge&Tunnel fertigen wir also bewusst lokal und fair: inmitten Hamburgs, mit Menschen, die lange Zeit keinen Job finden konnten, aber tolle handwerkliche Fertigkeiten haben. Für unser Design – Accessoires und Interior - verwenden wir post-consumer waste. Deshalb ist jedes Produkt ein Unikat. So verhelfen wir wertvollen Materialressourcen zu einem neuen Leben in style und hoffnungsvollen Talenten aus aller Welt zu einem erfüllenden Job mit Anerkennung.

Ab Dezember werden wir unser Team zudem erweitern: um Menschen mit Fluchtgeschichte, die aufgrund der aktuellen politischen Verhältnisse erst vor kurzer Zeit nach Deutschland gekommen sind. Gerade scouten wir dazu ganz viele Interessierte, 3-5 Personen möchten wir dann ein Praktikum bei uns ermöglichen.

Als wir Bridge&Tunnel konzipiert haben, haben wir nur so vor Tatendrang gebrannt und wollten sofort loslegen. Das ist auch immer noch so, die Umsetzung hat dann aber doch etwas gedauert! Nach der Idee (das war im März 2015) hat es fast anderthalb Jahre gedauert, bis unser Shop diesen Juli online gehen konnte. Wir haben also mehr als ein Jahr gebraucht, um alles so umzusetzen, wie wir es uns wünschen. Dazu gehörte die Designentwicklung, aber natürlich auch das Finden des Teams, das Auftreiben von Geldern, der Bau der Website und vieles mehr. Wir hatten von Anbeginn aber eine tolle Presseberichterstattung und haben auch schon einige (Bundes)Preise gewonnen, was uns mit einer tollen Dynamik versorgt hat und uns natürlich auch sehr stolz macht.

Wie findet ihr eure Mitarbeiter, auf welchem Weg kommen sie zu euch und nach welchen Kriterien sucht ihr dann aus?

Als klar war, dass es mit Bridge&Tunnel ernst wird, wollten wir die Info, dass wir handwerklich begabte Näherinnen und Schneiderinnen suchen, natürlich bestmöglich streuen. Wir hatten dann das große Glück, dass im Wilhelmsburger Wochenblatt – einem kleinen aber superviel gelesenen Blatt – ein Artikel mit unserem Angebot sogar auf dem Titel erschien. 4 Plätze wollten wir vergeben, gemeldet haben sich fast 60 (!) Leute. Auch das Jobcenter, mit dem wir eng zusammenarbeiten, hatte unsere Info gestreut. Unser Telefon stand tagelang nicht still... Es war unfassbar, welchen Nerv wir offenbar getroffen hatten. Wir haben dann am Telefon erstmal mit allen Interessierten eine Abfrage nach ihren Näherfahrungen und eine kleine Erstberatung gemacht. 25 haben wir dann zu einem Probenähen eingeladen und daraus unser Team ausgewählt. Neben dem Geschick an der Nähmaschine haben wir das Sprachniveau und die zeitliche Verfügbarkeit abgefragt. Und natürlich haben wir auch geschaut, dass die einzelnen Frauen gut zueinander ins Team passen.

In unserem Produktionsteam arbeiten aktuell 4 (zuvor langzeitarbeitlose) Näherinnen, die gebürtig aus Indien, der Türkei und Afghanistan kommen. Angeleitet werden sie von 2 weiteren tollen Frauen, die ausgebildete Schneiderinnen oder Bekleidungstechnikerinnen sind. Ein reiner Frauenladen also! Das wird sich aber bald ändern, denn die Geflüchteten, die sich bislang vorgestellt haben, sind fast alle Männer!

Modelabel Bridge&Tunnel hilft Flüchtlingen und Frauen mit Migrationshintergrund und näht Taschen und Rucksäcke aus alten Jeans Stoffen
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Wo lauern die alltäglichen Schwierigkeiten im Vergleich zu einem “normalen“ Modelabel und was sind die positiven Bereicherungen, die den Unterschied machen und euch jeden Tag in eurer Entscheidung bestätigen?

Unser tägliches Geschäft ist, wie bei vielen Labels, sehr turbulent;-) Allerdings nimmt bei uns die Arbeit mit unserem Produktionsteam zusätzlich einen Großteil unserer Zeit ein. Da unsere Näherinnen fast allesamt ungelernt sind, investieren wir viel Zeit, die Frauen zu professionalisieren. Die Begleitung unserer Frauen geht dabei oft über das Berufliche hinaus. So suchen wir für eine 5-köpfige Familie auch schon mal eine neue Wohnung oder erklären den Unterschied zwischen (Garn) „spulen“ und (Geschirr) „spülen“!

Die Zeit mit den Frauen ist aber auch sehr wertvoll. Wir merken jeden Tag aufs Neue, was es für die Frauen bedeutet, endlich einen eigenen Job zu haben und etwas zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizusteuern. Die Wertschätzung, die sie durch ihre Arbeit bekommen, erfahren viele von ihnen das erste Mal in ihrem Leben. Viele von uns können sich im Zeitalter von work-life-balance Überlegungen gar nicht vorstellen, was es bedeutet ganz ohne Arbeit zu sein. Und was es im Umkehrschluss bedeutet, welche zu haben. Denn wer arbeitet, lernt Menschen kennen. Und wer arbeitet, fühlt sich gebraucht.

Euer Konzept und Businessmodell ist in mehrerlei Hinsicht sozial angelegt. Was macht eure Produkte aus?

Neben unserem sozialen Engagement versuchen wir auch eine ökologische Nachhaltigkeit zu leben – eine Herausforderung war uns zu wenig;-)

Unsere erste Kollektion entsteht aktuell aus recyceltem Denim. Sie umfasst verschiedene hochwertige Taschenmodelle (Rucksack, Weekender, Damentasche, Clutch, Laptopsleeve), sowie einen Teppich und Sitzmöbel für Kinder. Für unsere Produkte verwenden wir hauptsächlich post-consumer waste, das sind Textilien, die schon einmal ein Leben hatten, bevor der Konsument sie entsorgt.

Ein Großteil unserer Stoffe beziehen wir von Kleiderkammern. Wir kaufen die sog. Ausschussware auf, das sind Materialien, die auch für Ausgabestellen zu schlecht sind und sonst an den Verwerter gehen. Daraus entwickeln wir für unsere Kollektionen dann neue Must­Haves. Durch die Besonderheit des Materials sind unsere Produkte serielle Unikate, denen man das vorherige Leben ihrer Materialien kaum noch ansieht.

Alle Produkte haben sehr klare Designs, aber raffinierte Schnitte, die mit Gegensätzen spielen: Altes wird zu Neuem, strenge Linien und verspielte Funktionen treffen aufeinander, zeitgemäße Produkte werden in traditioneller Handarbeit gefertigt.

Seit kurzem arbeiten wir auch mit Hanseatic Help zusammen, die sehr erfolgreich gespendete Kleidung sammelt, sortiert und an Geflüchtete und andere Bedürftige in Hamburg verteilt. Bis auf ihre Ladenhüter: Neben Hochzeitskleidern und High Heels sind dasvor allem Jeans in Übergröße, die aufgrund ihrer Größe keine neuen Abnehmer finden. Damit diese Materialschätze nicht länger ein trostloses Dasein im Lager fristen, haben wir uns zusammengetan und eine wunderbare XXL-Partnerschaft ins Leben gerufen.

Es hört sich wirklich an, als wäre hier noch viel möglich. Wie sind eure Pläne für die Zukunft? Inwieweit plant ihr das Team zu erweitern und auch euer Produktportfolio? Was sind eure Wünsche und Visionen, wo liegen die Grenzen?
 
Momentan sind wir noch überwältigt von den zahllosen Möglichkeiten, die Denim als Material bietet. Da sind wir noch lange nicht am Ende unserer Inspiration! Seit kurzem bieten wir zum Beispiel die Option an, die eigenen alten Jeans einzuschicken, aus denen wir dann einen individualisierten Rucksack oder Weekender fertigen.

Unsere Idee ist es, mit Bridge&Tunnel die Schönheit und Langlebigkeit von unterschiedlichen Reststoffen aufzuzeigen. Dazu möchten wir zukünftig mit wechselnden Materialien arbeiten und daraus verschiedene Endprodukte wie Accessoires und Interior Design fertigen. Die nächste Kollektion, die aus einem supertollen (aber noch geheimen) Material entsteht, erscheint im Frühjahr 2017.

Natürlich wäre es toll, auch unser Team zu vergrößern. Wir könnten uns beispielsweise vorstellen, neben unserer eigenen Linie zukünftig auch für andere Designer zu fertigen, denen ökologisches und soziales Engagement am Herzen liegt und die ein Interesse an fairer lokaler Fertigung haben. Es bleibt also in jedem Fall spannend!


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